Warum ich SaaS auf eigenem Server statt in der Cloud betreibe
Viele Entwickler greifen reflexartig zu AWS, Google Cloud oder Azure. Ich nicht. Seit Jahren betreibe ich meine SaaS-Produkte auf eigenen Servern — und spare dabei nicht nur Geld, sondern gewinne auch Kontrolle, Performance und rechtliche Sicherheit.
Die Zahlen sprechen für sich
Mein Hetzner CPX22 kostet €6,19 pro Monat: 3 vCPU, 4 GB RAM, 80 GB SSD, 20 TB Traffic. Für dasselbe Setup zahle ich bei AWS (t3.medium + EBS + Transfer) realistisch €70–100 pro Monat. Das ist ein Faktor 12–16.
Auf diesem einen Server laufen aktuell: Baseloq (SaaS), AllesWurst Dev-Umgebung, diese Website, ein Ferienhaus-Buchungssystem, Freqtrade (Krypto-Bot), eine Stock-Trading-App und mehrere kleinere Projekte. Nginx als Reverse Proxy, PM2 für Node-Prozesse, PostgreSQL, Redis — alles sauber isoliert.
Kontrolle ist kein Luxus
In der Cloud bin ich Mieter. Preise können sich ändern, Dienste werden deprecated, APIs verschwinden. Bei AWS gab es in den letzten Jahren mehrere Preiserhöhungen — ohne Vorwarnung. Auf meinem eigenen Server bin ich Eigentümer. Ich entscheide, was läuft, wie es konfiguriert ist und wann Updates eingespielt werden.
Das bedeutet auch: kein Vendor Lock-in. Wenn Hetzner morgen 50% teurer wird, migriere ich zu Netcup, Contabo oder einem anderen Anbieter — in einer Stunde. Bei AWS, wo alles über proprietary Services verknüpft ist (RDS, Lambda, S3, SQS), ist Migration ein mehrmonatiges Projekt.
DSGVO ohne Kopfschmerzen
Hetzner hat Rechenzentren in Deutschland und Finnland. Die Daten meiner europäischen Kunden verlassen nie die EU. Kein Privacy Shield-Chaos, kein Standardvertragsklausel-Jonglieren, keine Datentransfers in die USA. Baseloq verarbeitet Mitarbeiterdaten — DSGVO-Compliance ist hier kein Nice-to-have, sondern Pflicht.
Bei AWS läuft standardmäßig alles in US-East, wenn man nicht aufpasst. Und selbst EU-Regionen unterliegen dem US CLOUD Act — ein oft unterschätztes rechtliches Risiko für europäische Unternehmen.
Performance: Überraschend gut
Hetzner-Server liegen in Nürnberg und Helsinki — für österreichische und deutsche Nutzer sind das Latenzen von 10–25ms. AWS Frankfurt wäre ähnlich, kostet aber das Vielfache. Und da ich alle meine Projekte selbst konfiguriere, gibt es kein Cold-Start-Problem wie bei Lambda-Functions, keine Auto-Scaling-Latenz, keine Überraschungen beim Traffic-Spike.
Wann macht Cloud trotzdem Sinn?
Ich bin kein Cloud-Fundamentalismus-Gegner. Es gibt legitime Szenarien:
- Globaler Traffic: Wenn du Nutzer auf 5 Kontinenten hast und wirklich niedrige Latenz brauchst, ist ein CDN oder Multi-Region-Deployment sinnvoll.
- Extreme Skalierbarkeit: Wenn dein Traffic in Sekunden von 100 auf 100.000 Requests explodieren kann (virales Produkt, Ticketverkauf), ist Auto-Scaling ein echter Vorteil.
- Spezialdienste: Für Machine Learning (GPU-Instances), Speech-to-Text oder spezialisierte Datenbanken gibt es Cloud-Dienste ohne vernünftige Self-Hosted-Alternative.
- Enterprise-Compliance: Manche Unternehmenskunden bestehen auf zertifizierten Cloud-Infrastrukturen (ISO 27001, SOC 2).
Für 90% der SaaS-Produkte im Frühstadium — die first 1.000 Kunden, erste Skalierungsphase — ist ein dedizierter oder virtueller Server bei Hetzner, Netcup oder Contabo die wirtschaftlichere und oft auch technisch überlegene Wahl.
Fazit
Eigener Server ist kein Retro-Move. Es ist die pragmatische Entscheidung für Kosten, Kontrolle und Compliance. Die Cloud-Anbieter haben hervorragendes Marketing — aber Hetzner CPX22 für €6/Monat schlägt AWS t3.medium für €80/Monat beim Preis-Leistungs-Verhältnis um Welten. Solange mein Setup die Anforderungen erfüllt, bleibe ich dabei.
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